|
Unser Tipp für alle, denen keine Arbeitsgruppe zur Verfügung steht:
Das Handbuch für Gestalter und Anwender von Borries Schwesinger. Mit Leidenschaft, Akribie und Humor führt er in die Welt der wortlosen Fragesteller.
Er beweist, dass die Interaktion mit dem Formular gelingen, ja sogar Spaß machen kann, wenn ein paar Grundregeln befolgt werden, heißt es hierzu im Begleittext."
|
was bisher geschah... Es vergingen einige Jahre. Der Finanzminister (irgend eines fremden Landes) wollte sein Projekt so schnell wie möglich ins Rollen bringen und wartete auf die Gelegenheit, rasche und energische Schritte zu tun. In diesen Jahren hatte er viel Zeit zum Nachdenken und entschied sich gegen den ursprünglichen Plan, seine lieben Bürger über eine Anzeige in einer beliebten Zeitung darum zu bitten, ihm einen Teil ihres Einkommens zu überweisen. Das ist einfach und praktisch, dachte er, aber irgendwie glanzlos. Außerdem, sagte er sich, wirkt es viel offizieller, wenn die Leute vor dem Bezahlen erst noch ein Formular ausfüllen müssen.
Die Arbeitsgruppe des Ministers hatte sich bisher bestens bewährt, war auf dem Gebiet der Formularerstellung jedoch nicht geübt. Die Mitglieder der Gruppe nahmen ihren Amateurstatus als Ansporn, gaben sich viel Mühe und entwarfen ein Formular, das man fast schön hätte nennen können - klar, übersichtlich und sogar ohne Brille gut lesbar, sie wissen schon, so ein Formular, das mit zwei Kreuzen und einer Unterschrift erledigt ist. Das konnte natürlich nicht funktionieren. In der Öffentlichkeit regte sich Unmut und man begann zu diskutieren und zu streiten. Eigentlich stritten nur die Männer, die Frauen führten problemorientierte Gespräche und wollten grundsätzlich niemanden woran auch immer hängen sehen.
Warum, fragten sie, sollen wir ein Müsli bezahlen? Wir führen keinen Krieg und für Strom und Gas zahlen wir unsere Abgaben. Wir sollten den Finanzminister und seine Sekretärin einfach entlassen. Mit dem eingesparten Geld könnten wir eine Straße quer durch das ganze Land bauen. Nachforschungen ergaben, dass die Sekretärin einen langfristigen Vertrag hatte. Man konnte sie nicht mal des Diebstahls bezichtigen, weil es im ganzen Finanzministerium nichts gab, was sie hätte stehlen können. Der einzige Ordner stand gut sichtbar auf der Fensterbank und die Nagelfeile war ihr persönliches Eigentum. Genau genommen hatte sie sogar den Ordner von zu Hause mitgebracht. So wurde in dem fremden Land eine Straßenbau-Gesellschaft gegründet, die die Forderung aufstellte, den Finanzminister zu entlassen und die Sekretärin zu versetzen, oder besser gesagt, umzubetten. Der Herr Minister kam gerade noch rechtzeitig aus dem Urlaub zurück, sah die Schwachstelle und gab die ganze Sache in professionelle Hände.
In “unserer” Werbefirma saß man wieder zusammen und entwickelte ein kompliziertes, mehrseitiges Formular, eine gelungene Mischung aus Wahnsinn und Schikane, gut geeignet, um die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die Form zu lenken. Man fügte noch einige Seiten zur Erläuterung bei, um dem Durchschnittsbürger seine Hilflosigkeit auch deutlich vor Augen zu halten, entwickelte eine Buchreihe, die beim Ausfüllen der Formulare Hilfestellung geben sollte und sicherte sich die Rechte daran. Es folgte eine Online-Version und eine zweite Buchreihe, um auf die Schlupflöcher hinzuweisen, die man kurz vor Druckbeginn noch einbauen konnte.
Dann wurden die Begriffe geändert, weil man den Namen "Müsli" gern für die Shampoo-Werbung haben wollten. Als sich herausstellte, dass sich das Shampoo dank des Drei-Für-Zwei-Slogans wie von selbst verkauft, nannte man das Körnerzeugzumübergießenmitmilchoderhonig fortan Müsli und die Standardabzocke Steuer. Ein neuer Name ist fast so gut wie ein Neubeginn.
Kommen Sie wieder, nächste Woche geht’s um die Vermögenssteuer und um Sachen, die man immer wieder tun kann...
...und so geht es weiter
|